Kontext, 02.03.16, Dietrich Heißenbüttel, Ausgabe 257

Zeitgeschehen

Kindermordstätte

Von Dietrich Heißenbüttel

Datum: 02.03.2016

Was war nur in Werner Wölfle gefahren? Die Zweifel des grünen Bürgermeisters, ob im Stuttgarter Kinderkrankenhaus im Dritten Reich tatsächlich behinderte Kinder ermordet wurden, sind jetzt ausgeräumt. Auffälligerweise erst kurz nach der Neueröffnung als Sozialpsychiatrisches Behandlungszentrum.

„Im Nachgang zu unserem Mailwechsel vom 19. 11. 2015 und Ihrem Artikel in Kontext vom 2. 12. 2015 möchte ich Sie darüber informieren, dass am 15. 2. 2016 ein Fachgespräch zwischen Dr. Roland Müller, dem Leiter des Stuttgarter Stadtarchivs, Herrn Dr. Marquart und mir stattfand“, schreibt der Stuttgarter Bürgermeister für Krankenhäuser und Allgemeine Verwaltung an den Autor. Karl-Horst Marquart hat im Dezember 2015 ein Buch über die NS-Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen in Stuttgart veröffentlicht. Er gehört auch dem Arbeitskreis Euthanasie der Stolperstein-Initiative an, die zusammen mit dem Bürgerprojekt Die Anstifter beantragt hatte, am früheren Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße eine Gedenktafel für die Opfer der Kindereuthanasie anzubringen. Wölfle hatte dies abgelehnt.

„Beide Historiker sind inzwischen der Auffassung und haben die gemeinsame Haltung“, so Werner Wölfle weiter, „dass die Indizienkette eine eindeutige Aussage ermöglicht, unabhängig davon, dass die eine oder andere Frage offen bleiben muss (z. B. Unterschriftenfälschung).“ Marquart und Stadtarchivar Müller seien sich ebenfalls einig, dass eine Tarnungsabsicht berücksichtigt werden müsse. „Damit konnte geklärt werden, dass eine Gedenktafel oder etwas Vergleichbares im Gedenken an die ermordeten Kinder angebracht werden soll.“

Warum aber hatte sich der Bürgermeister zuerst gesperrt? In Marquarts Buch finden sich genügend eindeutige Beweise, die auch nicht alle erst im Dezember bekannt wurden: Bereits 2013 hat Kontext über den Fall der kleinen Gerda Metzger berichtet, für die damals ein Stolperstein vor der Klinik verlegt wurde. Wenig später hatte Wölfle selbst im Stuttgarter Rathaus eine große Ausstellung zum Thema eröffnet.

Vielleicht kam der Vorstoß für den Krankenhausbürgermeister einfach zur Unzeit. Denn das ehemalige Kinderkrankenhaus stand nach zweijähriger Umbauzeit kurz vor der Neueröffnung als Sozialpsychiatrisches Behandlungszentrum. „Hier finden Menschen, die chronisch psychisch krank sind, Menschen mit Suchtproblemen und Ältere mit beginnender Demenz oder einer psychischen Störung ein niederschwelliges Behandlungsangebot, das ihnen wohnortnah Hilfe und Schutz bietet“, erklärte Wölfle zur Eröffnung am 5. Februar.

„Das Land Baden-Württemberg, die Landeshauptstadt als Träger und das Klinikum Stuttgart haben rund sieben Millionen Euro in die Sanierung des Gebäudes investiert“, ist auf der Homepage der Stadt Stuttgart nachzulesen. „Entstanden sind so in den vergangenen zwei Jahren helle und freundliche Räume in historischem Ambiente in zentraler Lage und mit bester Verkehrsanbindung.“ Das Behandlungszentrum ersetzt damit das benachbarte Bürgerhospital, das bereits seit August 2015 auch zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt und nun offiziell an die Stadt übergeben wurde. Martin Bürgy, der ärztliche Leiter des Zentrums für seelische Gesundheit, unterstrich, es sei gelungen, das Vertrauen der Patienten zu gewinnen und psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren.

70 Jahre zuvor waren hier schutzlose behinderte Kinder unter dem Vorwand, ihnen die bestmögliche Pflege angedeihen zu lassen, ermordet worden. Eine Gedenktafel hätte weniger, wie Wölfle im November geschrieben hatte, „das seelische Gleichgewicht dieser Patienten“ als vielmehr die Eröffnungsfeierlichkeiten gestört.

Nun soll sich, wie der Bürgermeister mitteilt, „zeitnah“ eine Arbeitsgruppe vor Ort „einen ersten Eindruck über die räumlichen und gestalterischen Möglichkeiten einer Gedenktafel oder Vergleichbares verschaffen“. Beteiligt sein sollen Mitarbeiter der Verwaltung und der Klinik, Marquart, Müller sowie Martin Rexer vom Arbeitskreis Euthanasie. Zu diesem Vor-Ort-Termin hat Wölfle die Mitglieder der Arbeitsgruppe nun für Anfang April eingeladen.

Info:

„Behandlung empfohlen – NS-Medizinverbrechen in Stuttgart. Wie geht die Stadt damit um?“ Vortrag, Diskussion und Musik am Freitag, 4. März, um 19 Uhr im Mittleren Sitzungssaal im 4. OG des Stuttgarter Rathauses. Veranstaltet von der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e. V. in Kooperation mit SÖS-Linke-Plus und dem Arbeitskreis NS-„Euthanasie“ der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen.