„Schlaf, Kindlein, schlaf, …“ warum eine Erinnerungswoche

„Schlaf, Kindlein, schlaf, ...“ warum eine Erinnerungswoche

Die Erinnerungswoche „Schlaf, Kindlein, schlaf, ...“ will an die vergessenen bzw. unterdrückten Morde in der Stuttgarter Kinderklinik von Kindern mit Beeinträchtigungen ins kollektive Gedächtnis der Stadtgesellschaft rufen.

Von 1943 bis Kriegsende wurden 50 behinderte Kinder und 9 Kinder von Ost-Zwangsarbeiterinnen in der Stuttgarter Kinderklinik von Ärzten ermordet. Dem nationalsozialistischen Staat galten die behinderten Kinder als lebensunwert und die Kinder der Ost-Zwangsarbeiterinnen als rassisch unerwünscht. Hinzu kommen 41 behinderte oder mißgebildete Kinder aus Stuttgart, die mit der Intervention des Gesundheitsamtes der Stadt Stuttgart in auswärtigen Kinder-Tötungseinrichtungen ( Kinderfachabteilungen Eichberg/Hessen und Ansbach/Bayern ) überwiesen und dort ermordet wurden*. 

Die geschichtlichen Gegebenheiten, daß die Stadt Stuttgart Betreiberin einer Vernichtungsanstalt war, daß das städtische Gesundheitsamt in einem erheblichen Umfang Beihilfe zu Mord leistete und daß Kinder ermordet wurden, fanden keinen Eingang in das kollektive Gedächtnis der Stadt und blieben ungenannt.

Die akademische Geschichtswissenschaft übersah den Tatort der NS-Kindereuthanasieverbrechen und in das Stadtarchiv als Ort der städtischen Erinnerung fanden die Morde an behinderten oder rassisch unerwünschten Kindern keinen Eingang. 

Erst aus dem zivilgesellschaftlichen Engagement, ehrenamtlich und mit einem großen wie jahrelangen Einsatz konnte Dr. K-H. Marquart im Jahr 2015 seine Rechercheergebnisse in dem Buch >> Behandlung empfohlen, NS-Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen in Stuttgart<< veröffentlichen. Damit wurde ein Wissen der Geschichtswissenschaft von der NS-Kindereuthanasie für Stuttgart konkretisiert.

Die erste Reaktion der Stadtverwaltung Stuttgart mit dem Verwaltungsbürgermeister W. Wölfle, GRÜNE, war eine reflexartige Abwehr.  Bis zum Herbst 2016 überwand die Verwaltung der Stadt Stuttgart ihre Abwehr. Am Ort der ehemaligen Kinderklinik (Türlenstraße 22) wurde von der Stadtverwaltung eine Informations- und Gedenktafel angebracht.

Vom Gemeinderat und dem Oberbürgermeister als Teil der Selbstverwaltung der Stadt war bis heute zu den für die Stadt belastenden geschichtlichen Umständen nichts zu hören. Das Schweigen und Verdrängen nimmt wohl seinen gewohnten Gang. 

Die Erinnerungswoche „Schlaf, Kindlein, schlaf, ...“ möchte einen Beitrag leisten, daß die Kindermorde durch Ärzte in einer Kinderklinik nicht vergessen werden und die Beteiligung der Stadt Stuttgart an den NS-Kindereuthanasieverbrechen einen Eingang in das kollektive Gedächtnis der Stadt findet.

*Dr. Karl-Horst Marquart, Behandlung empfohlen, NS-Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen in Stuttgart, Seite 315 und folgende